Diversität – Ein „kaleidoskopisches Muster, das sich von Thema zu Thema ändert“

Jenseits der tradierten Kategorien gesellschaftlicher Diversität (z.B. Klasse, Geschlecht, Religion, Alter, ethnische Herkunft) gewinnen themenbezogene Diversifizierungen zunehmend Gewicht im sozialen Gefüge und für gesellschaftliche Entwicklungen. Spezifische Themen („vegane Ernährung“, „Schutzimpfungen“, „Klimawandel“, etc.) generieren einander gegenüberstehende Bevölkerungsgruppen, die aus der Perspektive klassischer Kategorien oft ausgesprochen heterogen ausfallen und mit diesen nur eingeschränkt empirisch und theoretisch erfassbar sind. In ihnen mischen sich klassische Kategorien in einer diffusen und jeweils eigenen Weise. So wissen wir z.B., dass der bei Männern vergleichsweise größer ausgeprägte Unwille, auf Fleisch zu verzichten oder sich möglichst wenig klimaschädlich zu verhalten, weniger primär geprägt ist von sozialer Klasse, Ethnizität, etc., sondern von der Identifikation mit bestimmten Männlichkeitsidealen, die als bedroht erlebt werden (z.B. Rosenfeld 2023, Dagget 2018).

Mittlerweile erlangen themenbezogene Diversifizierungen eine beträchtliche diskursive Präsenz, und aus ihnen erwachsen z.T. erhebliches gesellschaftliches Konfliktpotential sowie Transformationsdruck auf soziale Praktiken, Handlungsoptionen und politische Entscheidungen.

Als Anglistinnen sind uns in diesem Kontext natürlich Beispiele aus Großbritannien besonders willkommen, um diese Transformationen zu illustrieren:

So bescheinigten z.B. Forscherinnen des Policy Institute vom Londoner Kings College schon 2019 für GB eine zunehmende Fragmentierung der Wählerschaft – häufig entlang bestimmter Themen und Werte und eben nicht basierend auf der Identifikation mit einer bestimmten Partei (Duffy et al., S. 45-52) innerhalb des „Links-Rechts-Spektrums“. Ähnlich verhielt es sich mit dem Abstimmungsverhalten im Brexit Referendum, für das eine „affektive Polarisierung“ der Abstimmenden von großer Bedeutung war (ebenda, S. 56-62). In 2020 erschien sogar ein Report des progressiven Think Tank More in Common, der für das Vereinigte Königreich eine neue Art der Kategorisierung von Unterschieden in der Bevölkerung vorschlug, die dieser Fragmentisierung Rechnung trägt. Diese neue Kategorisierung beruht nicht auf klassischen demografischen Größen oder Parteiloyalität. Stattdessen identifiziert sie Überschneidungen von Identitätskonstruktionen und Kern-Glaubenssätzen (core beliefs) zwischen verschiedenen Gruppen. Im Ergebnis fanden die Forscherinnen sieben verschiedene wertebasierte Segmente in der Bevölkerung (Surridge, 119-120). Ebenso überraschend mag das Forschungsergebnis von Green und Shorrocks sein, die 2021 in einer Studie herausfanden, dass das Abstimmungsverhalten im Brexit-Referendum auch von der selbst wahrgenommenen Diskriminierung gegen Männer abhing. Hierbei spielten jedoch klassische Kategorien wie Einkommen und Bildung eine untergeordnete Rolle. (S. 368)

Ein Themenfeld, auf dem sich solche und ähnliche Transformationen hin zu einer Fragmentierung von Bevölkerungen jenseits klassischer Kategorien gut untersuchen und nachzeichnen lassen, bilden aus unserer Sicht Diskurse und Praktiken um „Luxus“.

Wir fragen aus linguistischer Perspektive einerseits, wie hat sich die Bedeutung von „Luxus“ in den letzten 200 Jahren verändert? Wann und warum fand z.B. die Verschiebung von Luxus als Prunk und Repräsentation hin zu anderen Funktionen sozialer Distinktion statt? Darüber hinaus untersuchen wir aus kulturwissenschaftlicher Perspektive die „Diversifizierung“ des aktuellen Luxusbegriffes in der zeitgenössischen Populärkultur. Wer definiert „Luxus“ wie? Was wird auf der Ebene der Konsumentinnen und des Marketing als „Luxus“ verkauft? Welche Protagonistinnen erlangen in welchen Kontexten Deutungshoheit über den Begriff, und durch Verwendung welcher Narrative wird dies erreicht?

 

Literatur

Dagget, C. „Petro-masculinity: Fossil Fuels and Authoritarian Desire.” Millennium. Journal of International Studies. Vol. 47, issue 1, 2018, 1-20.

Duffy, Bobby, Kirstie Hewlett, Julian McCrae & John Hall. “Divided Britain? Polarisation and Fragmentation Trends in the UK”, The Policy Institute at King’s College London, 2019.

Green, Jane & Rosalind Shorrocks. “The Gender Backlash in the Vote for Brexit”, Political Behaviour, 2023, Vol. 45, 347-371.

Rosenfeld, Daniel L. “Masculinity and Men’s Reistance to Meat Reduction”, Psychology of Human-Animal Intergroup Relations, 2023, Vol. 2, https://doi.org/10.5964/phair.9645.

Surridge, Paula. “Britain’s Choice: Polarisation or Cohesion”, The Political Quarterly, 2021, Vol. 92/1, 119-124.