Flucht als Schwellenerfahrung. Der Kampf um Teilhabe in 'Tori et Lokita' (2022)
Der vorliegende Beitrag untersucht den Zusammenhang zwischen sozialer Teilhabe und Raumordnung im Film "Tori et Lokita" (2022) von Jean-Pierre und Luc Dardenne. Der Film erzählt von den Bemühungen der beiden Titelfiguren, der 16-jährigen Lokita eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Belgien zu beschaffen. Anhand eines Close Readings der Eingangssequenz, in der Lokita mit einer Mitarbeiterin der Asylbehörde ein Interview führt, das über ihren Aufenthaltsstatus entscheiden soll, wird gezeigt, wie räumliche und narrative Struktur ineinandergreifen, um diese Teilhabebemühungen der Protagonistin als vergeblich zu inszenieren. Der anonymisierte Raum fungiert als Schwelle, auf der über In- und Exklusion, über Objekt- und Subjektstatus der Geflüchteten entschieden wird. Gleichzeitig ist die Eingangssequenz eine dem Plot vorgelagerte, paratextuelle Schwelle und damit die Ur-Szene des tragischen Verlaufs, der nicht zufällig an die drei Teile und den Spannungsverlauf einer antiken Tragödie erinnert. Die beiden Regisseure liefern einen engagierten Kommentar zur aktuellen europäischen Flüchtlingspolitik, indem sie aufzeigen, dass mit der Ankunft im Zielland die lebensbedrohliche Flucht keineswegs zu Ende ist, sondern lediglich in ein weiteres Stadium mündet.